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Kritikschnipsel
Aus den Kritiken der letzten 10 Jahre
[…] Enthusiastisch zeigt sich das gesamte Ensemble der Theatergruppe und ist bei mancher Darstellung der Akteure so überzeugend, dass gelegentlich das Lachen im Halse stecken zu bleiben droht.
(KN zur Premiere von Gretchen 89ff.)
[…] Die Kapitalismuskritik, die Autor Richard Dresser auch in sein Stück gelegt hat, wird nicht agitatorisch ausgeschlachtet, sondern scheint unaufdringlich durch ein Beziehungsspiel, das seine Wirkung nicht verfehlt. Kompliment an alle Beteiligten.
(KN zur Premiere von Unter der Gürtellinie)
[…] Das könnte ganz schön platt sein. Ist es aber nicht in der kurzweiligen Inszenierung von Esther Kaun, die mit den Emotionen der Zuschauer Achterbahn fährt.
(KN zur Premiere von Creeps)
[…] Die bitterböse Geschichte über gelangweilte Egozentriker in einer Pseudo-Märchenwelt setzte das Kieler Amateurtheater hEXagon auf der Bühne der Hansastraße 48 recht unterhaltsam in Szene.[…]
(KN zur Premiere von Prinzessin Nicoletta)
[…] im Quintett sind die Frauentypen unschlagbar komisch, perfekt im Timing und setzen die vielen überraschenden Regie-Einfälle mit sprudelnder Spielfreude um.
(KN zur Premiere von Babewatch)
[…] Das Licht beleuchtet eine Szenerie, die nach Erlösung dürstet. Aber sie kann, gewissermaßen impotent, »nicht kommen«. Darin kommt ein Theater zu sich, das man selten so unbedingt sieht.
(KN zur Premiere von Beyond Mozambique)
Voll von solchen Zitaten ist diese Inszenierung, die Spaß macht, weil sie den Ernst der Lage im Slapstick karikiert.
(KN zur Premiere von König Ubu)
Besprechung der Premiere, Kieler Nachrichten 20.05.2003
Diktator von nebenan
Das Theater hEXagon brachte "König Ubu" auf die Bühne
der Hansastraße 48
Von Jörg Meyer
Der Wahnsinn beginnt in den Wohnzimmern, den Höhlen und Höllen der Löwen und Papiertiger. Der Barock in Familie Ubus Wohnzimmer ist so "Gelsenkirchensch" wie bei Ekel Alfred und Ehefrau Else. An die TV-Streithähne aus den 70ern erinnert manches in der Adaption von Alfred Jarrys König Ubu. Das Theater hEXagon verlegt den Vorläufer des absurden Theaters in eine teutonische Spießerwohnung. Aus deren Dampfradio tönen Samba und James Lasts Happy Polka. Dazu wird Leberwurst verschlungen und nicht minder herzhaft geflucht. Mutter Ubu (Sabine Schlüter) ist die "dusselige Kuh", die "Lumpensack" Vater Ubu zum Königsmord anstachelt. Shakespeare lässt grüßen bei Jarry, hier eher das Märchen vom Fischer und sin Fru. Man prollt und schwört "bei meiner grünen Rotze", dass aus dem Hausmeisterkittel doch noch mal die Königsrobe wird, und aus Mutters Lockenwicklern eine Krone.

Deutsche Königsmacher kommen aus kleinen Verhältnissen. Je kleiner die sind, umso gewalttätiger. Carsten Fimm gibt die eigentlich groteske Figur Ubu zu lebensnah, als dass man sich nur in absurdem Theater wüsste. Solche Leute wohnen nebenan, wählen NPD oder PDS, sind feige Schisser mit Machtfantasien. Wenn Ohnmacht mitten im Wohnzimmer in Macht umschlägt, dann ist die grausam. Und sehr deutsch. "Dö stöck ich in dön Söck!" verkündet Ubu im Idiom, das wie sein gewachster Scheitel an Hitler erinnert. Und sehr abendländisch, wenn Ubu den Sieg verkündet, halb Bush, halb Blair aus ihren Oval Offices "an mein Volk" sprechend.
Politik ist längst nicht mehr die Kunst des Machbaren, sondern Machtkonsum auf Einkaufszetteln: "Regentschaft an mich bringen, Krieg anzetteln, Geld klau'n, abhau'n." Dazwischen: "Alle abschlachten!" Das klingt nach Gesellschaftskritik, wäre da nicht Jarrys grotesker Geist. Dem huldigt Jörg Lippmann mit gewitzten Regieeinfällen: Noch vor der Szene übt Ubu Publikumsbeschimpfung, kehrt den Blockwart raus beim Stühlerücken. Einfach göttlich: König Wenzelas' (Stefan Schwarze) Beau-Tanz zu James Lasts musikalischem Weichspülgang. Ebenso das vieldeutige Ballett der Regenschirme, pantomimisch ausgereizt zwischen Schwert und Schild.
Voll von solchen Zitaten ist diese Inszenierung, die Spaß macht, weil sie den Ernst der Lage im Slapstick karikiert. Samt der kleinen Botschaft am Ende: Wehret den (Traum-)Anfängen in den Wohnzimmern!
Weitere Aufführungen: 22.-25. und 29.-31. Mai, jeweils 20 Uhr in der Hansastraße 48. Infos & Karten: www.theater-hexagon.de.
Nachtrag von hEXagon: Auch am 1. Juni gibt es noch eine Aufführung!
Kritik in kiel4kiel (Online-Magazin)
König Ubu von theater hEXagon in der Hansa48

Die dritte Eigenproduktion des theater hEXagon trägt den Namen "König Ubu" (sprich: Übü:) und wird dieser Tage im Kulturzentrum der Hansastrasse 48 aufgeführt. Aus dem Ankündigungsslogan "Ein mieses Stück über einen miesen Kerl, seine miese Frau und seine miesen Taten" sollte man zumindest das erste "mies" streichen, denn man bekommt 90 Minuten wirklich gute, kurzweilige Unterhaltung geboten.
Die Handlung ist schnell erzählt: Herr Ubu und seine Frau stacheln eine Verschwörung gegen den König Polens an und ermorden diesen. Ubu krönt sich selbst zum neuen Herrscher, obwohl er keine Ahnung hat, wie er ein Land zu führen hat. Ihm geht es auch nur um seinen eigenen Profit - und der Ärger ist vorprogrammiert...
Das wirklich Besondere an der Inszenierung des Stückes von Alfred Jarry (1873–1907) ist vor allem die vulgäre Ausdrucksweise der spiessigen Ubus (grandios gespielt von Carsten Fimm und Sabine Schlüter). Vor 100 Jahren noch skandalös, amüsiert sich der Kieler heutzutage am inflationären Gebrauch von Kraftausdrücken wie "Laberwurst", "grüne Rotze" und vor allem "Schoisse!", während aus dem Wohnzimmerradio James Last und Sambamusik ertönt.

Ein weiteres dickes Lob hat das theater hEXagon für die Deko bzw. die Requisite verdient. So wird Polens Oberhaupt Wenzeslas (Stefan Schwarze) als der König des Swing dargestellt, als Krone eine 70er-Jahre-Sonnenbrille tragend, zumindest solange, bis er von Ubus Verschwörungstruppe durch den tödlichen Stoß zu Boden geht. Ermordet durch Regenschirme, welche je nach Situation als Schwert, Gewehr oder Schutzschild dienen!
Die Kritik an unseren modernen Machthabern ist alles andere als versteckt - dennoch wird beim "König Ubu" nicht zu offensichtlich der moralische Zeigefinger erhoben, sondern dem Publikum durch Interaktivität und Schmunzler am laufenden Band ein amüsanter Abend bereitet. Davon kann sich jeder noch vom 22. bis 25. Mai sowie vom 29. Mai bis 1. Juni um jeweils 20h in der Hansastrasse 48 ein Bild machen.
Vorbericht der Kieler Nachrichten 15.05.2003
Von der Macht des kleinen Geistes
Von Beate Jänicke

Schluss mit den lästigen Konventionen, Schluss mit Anstand, Sitte und Moral. Ubu, ordinäres, schmerbäuchiges, rülpsendes Monstrum entdeckt seine wahre Bestimmung. Von der liebenden Gattin angestachelt, beschließt der Möchtegern-Tyrann im Strickpullunder seinem Untertanendasein ein Ende zu bereiten und König von Polen zu werden. Macht macht Spaß. Wer im Weg steht, wie der rechtmäßige Throninhaber Wenzeslas, wird meuchelmords beiseite geräumt. Leben nach dem Lustprinzip und allzeit Leberwurst, das begeistert Gierschlund Ubu.
Schon während der Schulzeit im französischen Rennes führten Alfred Jarry und seine Mitschüler am Gymnasium Ubu-Stücke auf, die groteske Hauptfigur empfanden sie ihrem Mathematiklehrer nach. Aus dem derben Schülerwitz entwickelte Jarry, Wegbereiter des absurden Theaters, König Ubu, eine bitterböse, brutal-komische Parodie auf die Shakespeareschen Königsdramen. "Ich finde es toll, wie direkt Jarry in seinem Stück auf den Punkt kommt", sagt Regisseur Jörg Lippmann vom Theater Hexagon. "Dieses Karikaturhafte, dieses unglaublich Übertriebene hat mich von Anfang an gereizt."
Auf der Probebühne in der Gaardener Fröbelschule fuchteln und fechten die Darsteller mit buntgemusterten Regenschirmen als Schwertersatz in der Luft herum. "Das ist wie Sandkasten", grinst Carsten Fimm alias Ubu, der im vergangenen Jahr schon dem Elfenkönig Oberon in der Sommernachtstraum-Inszenierung von Alexandra Göpfert den brüchigen Charme eines Kraftmeiers verlieh. "Carsten passt perfekt auf die Rolle", meint Regisseur Lippmann. "Man muss sich nur ganz auf die Verbogenheiten und Merkwürdigkeiten von Ubu einlassen", erklärt Carsten Fimm, "das macht total viel Spaß, ist aber auch wahnsinnig anstrengend." Die Handlung des Stücks hat Jörg Lippmann komplett in die abgewohnte Bude der Ubus verlegt. Zwischen durchgesessener Couch und Flokati-Teppich lässt Ubu Widersacher niedermetzeln, treibt Steuern ein und hält Paraden ab, frönt seiner James-Last-Vorliebe.
"Die Idee war, die ganze Geschichte in seiner beschränkten kleinen Welt, ja vielleicht auch nur in seinem beschränkten kleinen Geist spielen zu lassen", erklärt Jörg Lippmann. Die tiefschwarze Komik steht bei der Inszenierung im Vordergrund, aber in der Karikatur des opportunistischen Spießers, dem nichts über die Befriedigung seiner banalsten Bedürfnisse geht, erkennt Jörg Lippmann auch so etwas wie den zeitlosen Prototypen eines Tyrannen: "Dass Größenwahnsinnige mit Blockwartsmentalität unter bestimmten Bedingungen und an einflussreichen Positionen zu Diktatoren mutieren können, hat das 20. Jahrhundert ja zur Genüge bewiesen."
Premiere ist am 18. Mai, 20 Uhr, in der Hansastraße 48
