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Kritikschnipsel
Aus den Kritiken der letzten 10 Jahre
[…] Enthusiastisch zeigt sich das gesamte Ensemble der Theatergruppe und ist bei mancher Darstellung der Akteure so überzeugend, dass gelegentlich das Lachen im Halse stecken zu bleiben droht.
(KN zur Premiere von Gretchen 89ff.)
[…] Die Kapitalismuskritik, die Autor Richard Dresser auch in sein Stück gelegt hat, wird nicht agitatorisch ausgeschlachtet, sondern scheint unaufdringlich durch ein Beziehungsspiel, das seine Wirkung nicht verfehlt. Kompliment an alle Beteiligten.
(KN zur Premiere von Unter der Gürtellinie)
[…] Das könnte ganz schön platt sein. Ist es aber nicht in der kurzweiligen Inszenierung von Esther Kaun, die mit den Emotionen der Zuschauer Achterbahn fährt.
(KN zur Premiere von Creeps)
[…] Die bitterböse Geschichte über gelangweilte Egozentriker in einer Pseudo-Märchenwelt setzte das Kieler Amateurtheater hEXagon auf der Bühne der Hansastraße 48 recht unterhaltsam in Szene.[…]
(KN zur Premiere von Prinzessin Nicoletta)
[…] im Quintett sind die Frauentypen unschlagbar komisch, perfekt im Timing und setzen die vielen überraschenden Regie-Einfälle mit sprudelnder Spielfreude um.
(KN zur Premiere von Babewatch)
[…] Das Licht beleuchtet eine Szenerie, die nach Erlösung dürstet. Aber sie kann, gewissermaßen impotent, »nicht kommen«. Darin kommt ein Theater zu sich, das man selten so unbedingt sieht.
(KN zur Premiere von Beyond Mozambique)
Voll von solchen Zitaten ist diese Inszenierung, die Spaß macht, weil sie den Ernst der Lage im Slapstick karikiert.
(KN zur Premiere von König Ubu)
Premierenbesprechung der Kieler Nachrichten 23.5.04
Konsequent übersteuert
Theater Hexagon mit Walkers »Beyond Mozambique« in der Hansastraße 48
Die Farbe der Angst ist orange. Nur selten ist die Hansastraße-Bühne des Theaters Hexagon in anderes als dieses Licht getaucht, ein Mix aus der Grabeskühle vorstädtischer Straßenbeleuchtung und dem erhitzten Blutrot im Puff. George F. Walkers absurdes Theater Beyond Mozambique bringt Hexagon in der Inszenierung von Sabine Schlüter als so schrilles Satyrspiel mit der Angst auf die Bühne, wie der Autor ein ängstlicher Satyr ist – und im originalen Englisch.

Das beherrscht das Personal mit jenem pikierten Unterton des Establishments, das sich über die Drogensucht von Priestern (Jörg Lippmann als Pater LiDuc), die malarianischen Fieberanfälle von abgehalfterten Polizisten (Ingo Thomsen als Lance), das über Leichen Gehen von Wissenschaft (Thies John als »weird scientist« Rocco) und die immer laufmaschiger werdenden Nuttenstrümpfchen einer Möchtegern-Kurtisane (Uta Johanna Bazak als Rita) eigentlich echauffieren müsste. Dennoch versinkt dieser »establishing cumshot« von Personen in den Traum, dass die je eigene psychosoziale Misere nichts anderes sei als ein schlecht geschriebenes Theaterstück des Lebens.
Verschwindend hinter dem B-Movie-Text, wo das Leben Dramolette schreibt, die nur als Trash reüssieren können, wo es schlechter noch ist als schlechte Filme, eine Abraumproduktion der Firma Schicksal, kann man kein aristotelisch läuterndes Theater erwarten. Walker und Hexagon tragen dem Rechnung, indem sie konsequent übersteuern. Irgendwo im Dschungel überborden die Effekte, sind die Leichen im Keller der Psychen allgegenwärtig und tropfen ihr Restblut auf die Hansa-Bühne. Geht es um Fleisch? Vordergründig ja, aber das Fleisch ist aus Seelen gemacht.
Die sind verloren wie ihr Hirte, der sich den Goldenen Schuss setzt, mit exorbitanter Spritze, während Doktor Rocco die Leichenreste aus Sehnsüchten einsammelt. Walker ist drastisch, Hexagon folgt ihm darin. Gott ist nicht tot, aber geil auf Leben, das in diesem Plot so herrlich unmöglich ist. Geil auf Tote ist Rocco ebenso wie seine Kumpanen am Teetisch. Commedia dell'arte-Figuren, bei denen der Mohr nicht gehen muss, wenn er seine Schuldigkeit getan hat – überzeugend als dumm grunzender Diener: Colin Moore.
Das Licht beleuchtet eine Szenerie, die nach Erlösung dürstet. Aber sie kann, gewissermaßen impotent, »nicht kommen«. Darin kommt ein Theater zu sich, das man selten so unbedingt sieht. ögyr
Kieler Nachrichten 19.5.04
»Farbig ist hier nur das Blut«
Vor der Premiere: theater hEXagon probt »Beyond Mozambique«
Von Sabine Tholund
Eine frisch erlegter Mensch liegt auf dem Frühstückstisch, aus einer Handtasche lugt blutverschmiert ein abgeschlagener Kopf und irgendwo findet sich ein herrenloser Fuß: Leichenteile fliegen tief in George F. Walkers rabenschwarzer Komödie Beyond Mozambique. Uraufgeführt wurde sie in Toronto 1974, am Freitag ist in der Hansastraße Deutschlandpremiere. Das Theater hEXagon spielt in englischer Sprache.

Ein ziemlich böses Stück hat Sabine Schlüter sich für ihr Regie-Debüt ausgesucht. Seine Protagonisten sind sechs äußerst schrille Verlierertypen der westlichen Gesellschaft. Sie hausen in einer Missionsstation im afrikanischen Dschungel, um dem schwarzen Kontinent die westliche Zivilisation näher zu bringen. Ein Arzt ist dabei, eine Art Frankenstein, der mit seinem tumben Gehilfen gerne Leichen ausbuddelt, um an ihnen herumzuschneiden. Seine Frau glaubt, eine von Tschechows Drei Schwestern zu sein. Komplettiert wird die seltsame Missionarsgruppe durch ein Porno-Starlet, das auf den großen Durchbruch beim Filmwartet, einen entlassenen Polizisten und einen drogensüchtigen katholischen Priester.
»Die Handlung des Stückes ist minimal. Wichtig ist, wie die Personen zueinander und zu ihrer Umwelt stehen. Jeder lebt in seiner eigenen Welt, in seinem eigenen, kleinen Traum, der mit der Realität nichts zu tun hat«, so die Regisseurin, der das »völlig Abstruse, Schräge und Groteske« der Komödie gefällt. Derzeit schreibt sie ihre Doktorarbeit über George F. Walker, den sie in Toronto besucht und ausgiebig zu seiner Arbeit befragt hat. Dem persönlichen Kontakt zum Autor ist es zu verdanken, dass die Theatergruppe hEXagon eine Sondergenehmigung für die Aufführungsrechte in Deutschland bekommen hat, die sonst nur an Profitheater vergeben werden.
Allerhand Wissen hat Sabine Schlüter über den derzeit auch am Kieler Schauspielhaus angesagten Autor und sein Werk bisher zusammengetragen, etwa, dass Beyond Mozambique während einer Phase entstanden ist, in der Walker sich viel mit B-Movies, Cartoons und Absurdem Theater beschäftigte. Unterstützt von Ausstatterin Eveline Havertz setzt sie dieses Wissen in ihrer Inszenierung um: Trist und schäbig ist das reduziert gehaltene Bühnenbild, in dem es viele schiefe Winkel gibt. »Alles soll hier billig und ,trashig' aussehen«, sagt Sabine Schlüter. Und grau. »Farbig«, so Eveline Havertz, »ist hier eigentlich nur das Blut«. Und das fließt reichlich.
