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Kritikschnipsel
Aus den Kritiken der letzten 10 Jahre
[…] Enthusiastisch zeigt sich das gesamte Ensemble der Theatergruppe und ist bei mancher Darstellung der Akteure so überzeugend, dass gelegentlich das Lachen im Halse stecken zu bleiben droht.
(KN zur Premiere von Gretchen 89ff.)
[…] Die Kapitalismuskritik, die Autor Richard Dresser auch in sein Stück gelegt hat, wird nicht agitatorisch ausgeschlachtet, sondern scheint unaufdringlich durch ein Beziehungsspiel, das seine Wirkung nicht verfehlt. Kompliment an alle Beteiligten.
(KN zur Premiere von Unter der Gürtellinie)
[…] Das könnte ganz schön platt sein. Ist es aber nicht in der kurzweiligen Inszenierung von Esther Kaun, die mit den Emotionen der Zuschauer Achterbahn fährt.
(KN zur Premiere von Creeps)
[…] Die bitterböse Geschichte über gelangweilte Egozentriker in einer Pseudo-Märchenwelt setzte das Kieler Amateurtheater hEXagon auf der Bühne der Hansastraße 48 recht unterhaltsam in Szene.[…]
(KN zur Premiere von Prinzessin Nicoletta)
[…] im Quintett sind die Frauentypen unschlagbar komisch, perfekt im Timing und setzen die vielen überraschenden Regie-Einfälle mit sprudelnder Spielfreude um.
(KN zur Premiere von Babewatch)
[…] Das Licht beleuchtet eine Szenerie, die nach Erlösung dürstet. Aber sie kann, gewissermaßen impotent, »nicht kommen«. Darin kommt ein Theater zu sich, das man selten so unbedingt sieht.
(KN zur Premiere von Beyond Mozambique)
Voll von solchen Zitaten ist diese Inszenierung, die Spaß macht, weil sie den Ernst der Lage im Slapstick karikiert.
(KN zur Premiere von König Ubu)
Kieler Nachrichten 31.01.05
Zwischen Lippenstift und Innerstem:
Wann ist
»frau« eine Frau?
Umjubelte »Babewatch«-Premiere in der Hansastraße 48
Von Jörg Meyer
Dream A Little Dream Of Me schnurren am Ende die fünf »Babewatch«-Schwestern den Pianisten (Jan Heinemeyer) an. Der lässt sich natürlich nicht erweichen, dafür aber manches Herz im Publikum für das Frauliche an und für sich, für die Frau mit all ihren Macken, die doch so bezaubernd sind, gleich ob blond oder braun…
80 Lehrminuten darüber, wie eine Frau tickt, als erotische Zeitbombe oder ladegehemmtes Heimchen nicht nur am Herd, hat das Regie-Duo des Theaters hEXagon, Colin Moore und Tim Dreessen, anberaumt. 80 Minuten Humor mit – beim ernsten Thema – ein bisschen zu wenig Tiefgang, als dass das Phänomen Frau sich in ganzer Bandbreite erfassen ließe. Aber seit der TV-Serie »Sex and the City« weiß »mann« ja auch schon einiges über Fummel und Fimmel, über die seltsamen Einsamkeiten, die Frauen seit ihrer Selbstbefreiung von der Dominanz des Mannes hegen – und pflegen.

Und wir dürfen – nicht ohne voyeuristischen Charme – den Mädels dabei zusehen, wie sie sich selbst bespiegeln und dabei zu mancher Selbsterkenntnis gelangen. Mitschi Jacobi brilliert als Single aus Überzeugung. Im Feldwebelin-Ton ruft sie die Schwestern zum »Makeup-Check«. Dass ein aufreizender Lippenstift aber noch keine Frau macht, weiß Marta Pawlik-John. Vom Tutigen der Hausfrau mit Kind, Kegel und auch noch einem Mann kann sie so manches Lied singen, zum Beispiel Davon geht die Welt nicht unter.
Tut sie eben doch, denn Candance Musics Girlie-Talk über die Unbeständigkeiten von One-Night-Stands zeigt die kleinen Abgründe, die sich in den Betten auftun. »Ich will doch nur spielen«, flötet sie in einem der beschwippstesten Sternstündchen. Gegen diese drei stark gezeichneten Charaktere im Rumzicken wie sich Verschwistern aufzutrumpfen, hat es Chris Siedler als Mondäne mit allerdings vernichtend schönem Augen- und Klapp-Handy-Aufschlag nicht ganz leicht.
Auch Uta Johanna Bazak bleibt als recht eindimensional angelegte esoterisch Erleuchtete gelegentlich blasser als ihre kreischbunten Kostüme und ein fabelhaft »zersungener« Schlager Immer wieder geht die Sonne auf. Trotz solcher kleinen Einschränkungen – im Quintett sind die Frauentypen unschlagbar komisch, perfekt im Timing und setzen die vielen überraschenden Regie-Einfälle mit sprudelnder Spielfreude um. Ein Frauenabend voller Selbstironie, hübscher Lieder und – ja, ein Mann darf das so sagen – »süßer« Slapsticks, dessen Premierenjubel erahnen lässt, dass das ein Dauerbrenner auf der Hansa-Bühne werden wird.
Kieler Nachrichten 28.01.05
(Un-)beschreiblich weiblich
Das Theater hEXagon probt für »Babewatch – Eine Damenspiegelung«
Von Jörg Meyer
Was Männer können, können Frauen schon lange – sich in schonungsloser Selbstanalyse bespiegeln. Nach dem andauernden Erfolg der Freischwimmer gehen nun die Damen des Theaters hEXagon auf Babewatch. Dass dabei zweì Männer, Colin Moore und Tim Dreesen, Regie führen und das Objekt der umspielten Begierde wie der musikalischen Begleitung »ein schnuckeliger Pianist« (Jan Heinemeyer) ist, finden die hEXagoninnen eigentlich ganz hilfreich. »Männer und Frauen haben einen völlig unterschiedlichen Humor«, weiß Mitschi Jacobi. Da sei es ein gutes Kontrollinstrument, dass »nochmal ein Mann draufschaut«, was in den vier Umkleidekabinen und auf dem Lausteg davor passiert. Colin Moore hat da kleine Zweifel: »Was wir frauentauglich finden, hauen uns die schon mal um die Ohren. Und so einen richtigen Sextalk unter Frauen – das kann kein Mann vorgeben.« Aber die Konkurrenz der Humore wie der Geschlechter belebt das Bühnengeschäft.

Wenn Frauen unter sich sind, wird geratscht, gezickt und sich auch manches Mal in großer Geste verschwistert. Fünf »Stereotypen« des Weiblichen bevölkern die Bühne, eine »frustrierte Kampf-Singlein« (Mitschi Jacobi), die stylische Business-Frau (Christine Siedler, das modebewusste »Goodtime Girl, von Beruf Tochter« (Candance Music), die »Eso-Tussi« (Uta Johanna Bazak) und die Hausfrau (Marta Pawlik-John). Der Stoff für solche »Damenspiegelung« entstand aus der gemeinsamen Recherche in den »Beratungsrubriken von Frauenzeitschriften«, in Beauty-Shows wie »The Swan« – und »einfach aus der Improvisation«. Ein Bilderbogen fraulicher Befindlichkeiten zwischen Putzfimmel und One-Night-Stand, kommentiert durch charakteristische Lieder von Big Spender über Sweet Dreams bis So schön kann doch kein Mann sein. Und weil das ganze in und um die Umkleidekabinen ein_ Kaufhauses spielt, geht's immer wieder auch um Klamotten.
Schon bei der Probe in der Fröbelschule zeigt sich das Inspirierende solcher theatralischer Verortung. Charaktere entwickeln sich über Outfits und die Komik der Situation, wenn Frau auf Frau trifft, stutenbissig posiert, keine – ja nur vermeintliche – Peinlichkeit meidet, aber »auch nicht immer witzig sein muss«. Zwischen den Damen »hoppend« choreografiert Colin Moore Stöckelschritte und Seelengesten, stets auf dem Kiewief, dass »der typische Männerblick auf Frauen« nicht zu sehr durchschlägt. So ist Babewatch zwar das revuehafte Pendant zu den Freischwimmern, aber gerade weil Frauen »ganz anders ticken«, muss die »Damenspiegelung« den Vergleich mit jener der Herren nicht scheuen – sie ist eben etwas ganz anderes, (un-)beschreiblich Weibliches.
Woman in the City 03/05
Kulturgespräch
Babewatch – eine Damenspiegelung
KulturGespräch mit Schauspielerinnen vom Theater hEXagon
Interview: Daniela Mett
Erzählt bitte etwas über die Theatergruppe. Wofür steht das EX im Namen? Wie entstand Babewatch?
Mitschi Jacobi: »hEXagon« entstand aus dem Kieler Studententheater »Sechseckbau«. Irgendwann kommst Du Dir alt vor zwischen lauter jungen Leuten. Alle paar Wochen löst ein Stück das nächste ab. Wenn man so viel Energie investiert, kommt der Wunsch auf, sich ein Repertoire zu erarbeiten und Wiederaufnahmen zuzulassen. Dafür fehlte im straff organisierten Unibetrieb der Freiraum. So bildete sich hEXagon heraus. Es ist mit dem WerkstattTheater eng verwoben. Wir helfen uns bei der Besetzung von Rollen aus, mit Technik und Requisiten, teilen einen Probenraum. Nach der Premiere von »Freischwimmer« kam sofort der blanke Neid auf. Da sind Männer, die stellen sich einfach auf die Bühne, gucken doof, ziehen sich aus, und das Stück wird ein großer Erfolg – totale Aufbruchstimmung unter den Frauen: Das schaffen wir auch! Aber das Regiekonzept ist schwierig, man fängt bei Null an.

Fünf Schauspielerinnen auf der Bühne, von denen zwei selbst gelegentlich Regie führen, dazu ein männlich besetztes Regietandem. Gab das Schwierigkeiten in der Produktionsphase?
Uta Johanna Bazak: Klar. Spontan kamen viele gute Ideen, tolle Szenen, trotzdem liefen die Proben schleppend, landeten wir in Sackgassen. Das Stück war für Colin eine ganz neue Erfahrung. Sonst geht er mit vorgefertigtem Text in eine Produktion und führt sehr streng Regie, doch hier wollte er uns extra viel Raum für das Entwickeln lassen. Irgendwann waren wir an einem Punkt, wo es keine Zeit mehr zum Ausprobieren gab. Von da an machte er Druck, und bekam von uns schwer was um die Ohren. Viele, viele schlaflose Nächte wird ihn das gekostet haben. Colin ist einer, der immer einhundert Prozent gibt, sich alles zu Herzen nimmt. Als bei den Frauen dann Tränen flossen, war der am Ende. Ich kenne viele Männer, die ihn um seinen Job nicht eine Sekunde beneidet haben.
Die Stereotypen, die ihr auf der Bühne präsentiert, wurden gemeinsam entwickelt. Wie habt Ihr Eure Rollen gefunden und fühlt Ihr Euch darin wohl?
Chris Siedler: Jede zweite Probe habe ich gedacht, ich will das nicht mehr. Ich hatte ziemliche Probleme damit, das Klischee der erfolg-reichen Geschäftsfrau zu verkörpern. Ursprünglich wollte Colin jeden Charakter total in sich brechen. Geblieben ist die Sehnsucht, die bei jeder unter der Oberfläche gärt. Meine Figur hat Lesbentouch aber auch etwas vom Typ Femme fatale. Eigentlich kann sie jeden und alles haben. Da ihre biologische Uhr tickt, hängt sie sich an ihren »Schatz«, von dem sie ein Baby haben will. Im Grunde wurden Facetten von auffälligen Frauentypen genommen und etwas schräg aneinander gesetzt. Nimm Uta in den rotweiß-beblümten Badelatschen: eine Esoterikerin als knallharte Vermittlerin der Schönheitschirugie. Das ist krass.
Warum tut Ihr Euch neben Beruf oder Studium den Proben- und Aufführungsstress an? Geld gibt es ja nicht.
Marta Pawlik-John: Was hätte ich gemacht, wenn ich nicht Theater spielen würde? Meine Ehe wäre wahrscheinlich den Bach runter gegangen. Jetzt stehen wir entweder beide auf der Bühne oder aber in verschiedenen Produktionen. Wir können uns nicht auf den Keks gehen. Ich kenne so viele, die nach Hause kommen, in die Glotze gucken und dann ins Bett gehen. Das könnte ich nicht. Auch wenn die Arbeit an »Babewatch« heftig war. Zwei Frauen auf einem Haufen, das ist ok, bei dreien wird's brenzlig, bei vieren kritisch und fünf Frauen sind eine Katastrophe. Jetzt inszeniere ich ein Stück mit drei Männern. Bitte verzeiht mir, aber ich brauche jetzt Männer um mich. Einem Kerl sage ich direkt ins Gesicht: »Du, das war scheiße«. Bei Frauen muß ich zarter vorgehen.
Das »Na, auch hier?« ist ein Running Gag aus »Freischwimmer«. Es gibt punktuell Überschneidungen, aber Colin betont, dass alle schärferen Sprüche reine Frauensache sind. Macht das Spaß, vulgär zu sein?
Alle: Jaaaaa.
Candance Music: Jede Scheißidee bekam ich aufgebrummt.
Irgendeine mußte hier betrunken sein: »Das macht Candi!«. Irgendeine muß
in Ohnmacht fallen: »Das macht Candi!«. Oh, ich habe gejammert, und
wurde immer bockiger und böse. Es war so schrecklich. Meine Rolle hat
sich ständig geändert. Dann war ich auf den vulgären Part festgelegt.
Wenn hier irgendeine aus Versehen rülpst, werden alle mich angucken:
»Das macht nur Candi!«. Trotzdem lassen wir einander Spielraum. Bei
»Freischwimmer« ist immer ein und derselbe der Doofe. Bei uns wechselt
das. Jede ist einmal dran, hat ihren Monolog, ihre Lacher und Lieder.
Wir brauchen einander, dazu singen wir den »Frauenverbundsong« und
verschwestern uns trotz massiver Differenzen.
Uraufführung von »Babewatch« war am 29. Januar. Es folgen weitere Aufführungen in der Hansastrasse 48 am 3., 5. + 6. März und am 21. + 22. April, jeweils 20 Uhr. Karten und weitere Infos unter www.theater-hexagon.de.
